portrait coffee farmer

Oscar Hernandez – Risikofreudiger Kaffeebauer

Oscar Hernandez und seine Familie sind die Besitzer der Finca Los Nogales in Pitalito, Kolumbien. In diesem Portrait wollen wir euch Oscar, seine Geschichte und Persönlichkeit näherbringen.

Macher aus dem Süden Kolumbiens

Bereits als kleiner Junge streifte Oscar durch die saftig grünen Kaffeefelder der Finca Los Nogales in Pitalito. Die unzähligen Kaffee-, Bananen-, und Orangenbäume an steiler Südhanglage dienten als ideales Versteck beim Spielen mit seinen acht Geschwistern. Als drittjüngstes Kind der Familie Hernandez, wuchs Oscar in einfachen Verhältnissen, aber in einer intakten Familie mit einem sehr starken Zusammenhalt auf. «Ich verbrachte eine glückliche Kindheit hier oben auf der Kaffeefarm», blickt Oscar zurück. «Nur der tägliche Fussmarsch zur Schule hätte etwas kürzer sein dürfen», fügt er hinzu. Es galt jeweils einen 90-minütigen Weg über 600 Höhenmeter zurückzulegen, um morgens runter ins Tal und nachmittags wieder hoch auf den Berg zu kommen.

Jede freie Minute verbrachte der neugierige Oscar draussen in der Natur und wollte von seinem Vater alles über die süssen Kaffeekirschen lernen. Sein Vater, Don Ricaurte, galt als Pionier unter den lokalen Kaffeebauern im Departement Huila und setzte bereits in den frühen 00er Jahren neue Massstäbe in Bezug auf Kaffeequalität. So gewann er im Jahr 2005 mit dem «Cup of Excellence» den wichtigsten international anerkannten Preis für Spezialitätenkaffees.

Schicksalsschlag

Die Auszeichnung war gleichzeitig Fluch und Segen für die Finca Los Nogales und die Familie Hernandez. Der Erfolg brachte neue Kunden auf die Farm. Eine japanische Kaffeerösterei fing an grosse Mengen des prämierten Kaffees einzukaufen und wurde zur wichtigsten Kundin des Familienunternehmens. Der Erfolg der Kaffeefarm registrierte aber auch die sozialrevolutionäre Guerillaorganisation Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia, kurz FARC. Die selbsternannte Volksarmee befand sich im Bürgerkrieg gegen den kolumbianischen Staat. Ihre Kämpfer versteckten sich u.a. im angrenzenden Jungel und finanzierten ihren bewaffneten Kampf durch Entführung und Erpressung der Zivilbevölkerung sowie mit der Herstellung und dem Schmuggel von Drogen wie Cannabis und Kokain.

Im Jahr 2013 wurde Oscar’s Vater Ziel einer solchen Entführung. Im Wissen um die drohende Erpressung, welche auf seine Familie zukommen würde, widersetzte er sich und kam im Kampf mit den Guerilleros ums Leben.

Rückkehr auf die Kaffeefarm

Oscar war zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt und bereits seit sechs Jahren im Dienst der kolumbianischen Armee. Der Tod des Vaters durchkreuzte seine Zukunftspläne und so kehrte er im Januar 2014 vom Navy Stützpunkt im karibischen Cartagena zurück, um die Leitung der Finca Los Nogales zu übernehmen. Das drittjüngste Kind wurde über Nacht zum neuen Familienoberhaupt.

Oscar, der mutige Macher, war zurück im Süden und profitierte von seiner Neugierde und Faszination für den Kaffee. Mit der Flora und Fauna war er bestens vertraut und entschloss sich nicht nur aus Respekt, sondern aus Überzeugung die Philosophie des Vaters weiterzuverfolgen. Er setzt kompromisslos auf Qualität.

Mutiger Landwirt

Nebst wertvollem Kaffeewissen war nun aber auch viel Eigeninitiative, Willenskraft und Durchhaltevermögen gefordert. Die Familie rückte noch näher zusammen und Oscar brachte viele neue Ideen mit nach Hause.

In der Navy lernte er Verantwortung zu übernehmen, strukturiert zu arbeiten und Risiken abzuschätzen. Er ist technologisch versiert, arbeitet sehr akribisch und mag hochgesteckte Ziele, welche andere für unerreichbar halten. Mit grossen Herausforderungen und dem Risiko des Scheiterns lernte er schnell umzugehen. Experimente in seinem improvisierten Qualitätslabor helfen ihm, neue Ideen und Optionen zu prüfen.

Grosse Träume

Sein ultimatives Ziel sei es, seinen verstorbenen Vater stolz zu machen. Dies erreiche er nur, wenn er seine Kunden*Innen stolz mache, in dem er den qualitativ hochwertigsten Kaffee produziert. Die Finca Los Nogales wurde so zu seinem Lebensprojekt. Ganz Oscar-like gibt er sich aber mit einer hohen Punktzahl auf den score sheets nicht zufrieden. Nein. Er möchte seine Finca zur wichtigsten Kaffeefarm Kolumbiens machen und später einmal in den Rat der Federación Nacional de Cafeteros de Colombia (FNC) gewählt werden.

Bis es soweit ist, muss er noch einige andere Hürden nehmen. Der Klimawandel macht den Kaffeebauern in Pitalito das Leben schwer. Oscar lässt sich davon aber nicht entmutigen und nimmt auch diese Herausforderung an. Frisch verheiratet aber noch kinderlos spricht er bereits von der nächsten Generation, welche auch in 30 – 50 Jahren immer noch Spitzenkaffees auf der Finca Los Nogales produzieren soll. Dafür braucht es ein rascher Wandel zu einer ökologisch nachhaltigeren Landwirtschaft. Genau damit setzt er sich zurzeit intensiv auseinander und möchte innerhalb der nächsten fünf Jahren von konventioneller auf biologische Landwirtschaft umstellen.

«Alle anderen Bauern in der Region lachen mich aus und halten es für unmöglich, in diesem Klima, auf unseren Böden, 100% biologisch zu produzieren» erklärt er mir am Telefon. «Doch ich möchte ihnen das Gegenteil beweisen».