Tag 1: Velo-Sperrgebiet und das erste Kaffee-Date
Pünktlich um 10 Uhr mussten wir am ersten Tag auf dem Festivalgelände sein, Orientation-Meeting, obligatorisch, keine Ausnahmen. Wer zu spät kommt, fliegt raus. Also dachte ich mir: Velofahren macht doch Spass, nehmen wir die E-Bikes und fahren entspannt durch den Park südlich vom Atomium.
Entspannt war anders. Mitten im Park ging plötzlich der Motor aus. Mein erster Gedanke: Das kann kein technischer Defekt sein. Ein Blick in die Bolt-App verriet uns (Alp und mir, wir waren zusammen auf dem Weg) die Wahrheit: Wir befanden uns mitten in einem Velo-Sperrgebiet. Fünf Kilometer, ohne Akku, bergauf. Wer schon mal mit einem toten E-Bike einen Hügel hochstrampeln musste, weiss, wie viel Spass das macht.
Um Viertel vor zehn waren wir trotzdem da, nur um festzustellen, dass die Velos auf einem designierten Parkplatz abgestellt werden müssen, von dem es auf dem ganzen Gelände keinen einzigen gab. Wir haben die Räder kurzerhand vor dem Eingang geparkt und uns mit den 10 Euro Bussgeld abgefunden. Kein perfekter Start, aber definitiv ein lustiger.
Das eigentliche Orientation-Meeting war dann fast schon unspektakulär, bis mir im Check-in auffiel, dass die Hälfte der Teilnehmenden kaum Englisch sprach. Es war eben eine echte Weltmeisterschaft mit einer globalen Community, viele hatten ihre eigenen Übersetzer*innen dabei. Ein kleines Aha-Erlebnis, das mir zeigte: Man kann nicht von einer gemeinsamen Baseline ausgehen.
Am Nachmittag durften wir dann zum ersten Mal die grünen Rohkaffees begutachten, visuell und physisch, probieren war noch nicht erlaubt. Das kam erst am nächsten Tag.
Tag 2: 12,5 Minuten, die über alles entscheiden
Der zweite Tag begann mit Sample-Roasting und Sample-Cupping, also genau dem, was ich beruflich täglich mache. Nur unter völlig anderem Zeitdruck. Vier Kaffees musste ich evaluieren, jeder Röstzyklus auf dem Test-Röster dauerte etwa 12,5 Minuten. Macht 50 Minuten, bei einem Slot von 45. In der stickigen Halle dauerte sogar das Abkühlen länger als sonst. Ich fragte mich ernsthaft, wie das aufgehen sollte.
Glücklicherweise war der Hersteller des Test-Rösters, Nucleus, mit einem Stand vor Ort. Ich bin einfach hingegangen und habe gefragt, wie man die Röstzeiten verkürzen kann. Der Tipp: Batchgrösse nur so gross wählen wie wirklich nötig, und beim Abkühlen manuell eingreifen, statt den automatischen Prozess abzuwarten. Dank dieser zwei Kniffe war ich nach 42 statt 50 Minuten fertig, mit Zeit übrig.
Das war kein Luxus, sondern bitter nötig. In meiner Gruppe (wir waren immer zu fünft an einer Station, sechsmal fünf Contestants, also 30 insgesamt) hat es jemand nicht geschafft, den letzten Kaffee rechtzeitig auszuwerten. Plötzlich stand ein riesiges Fragezeichen über der Frage, ob dieser Kaffee überhaupt brauchbar ist. Eine Lektion fürs Leben: Wenn Expert*innen in der Nähe sind, fragt man sie einfach. Die meisten freuen sich, fünf Minuten ihrer Expertise zu teilen, und genau das hat mir an diesem Tag den entscheidenden Vorsprung gegeben.
Nach dem Rösten ging es direkt ins Sample-Cupping, also das sensorische Auswerten (schlürfen) des aufgegossenen Kaffees. Ich hatte den ganzen Tag bewusst keinen Kaffee getrunken, damit dieser erste Schluck mein sensorisch schärfster war. Adrenalin hatte ich sowieso genug.
Vier Rohkaffees standen zur Auswahl: ein Natural aus Tansania mit sehr heterogenem Bohnenbild und vielen Defekten, ehrlich gesagt dachte ich zuerst, der wird nichts, dazu gewaschene Kaffees aus Peru, Ecuador und Nicaragua. Beim Cupping die Überraschung: Der unscheinbare Tansania-Natural entpuppte sich als fruchtig, intensiv und voller Charakter. Er wurde die Hauptkomponente unseres Blends.
Ein kleiner Exkurs für alle, die nicht aus der Kaffeewelt kommen: Ein Röstplan ist im Grunde eine Prognose. Wie schmeckt, riecht und sieht der Kaffee am Ende aus? Basierend auf dem Cupping-Ergebnis muss man das möglichst genau vorhersagen, und genau diese Prognose wird später von der Jury bewertet.
Übrigens, wenn es schon ums Eingemachte geht: Die Hälfte der Teilnehmenden hatte ein Airbnb ohne Klimaanlage gebucht, mitten im Brüsseler Juni. Ich hatte schon ein wunderschönes Rooftop-Apartment mit Balkon gefunden, habe mich dann aber für ein pragmatisches Hotel am Bahnhof mit AC entschieden. Beste Entscheidung des ganzen Trips. Tagesform ist an so einem Event alles, und guter Schlaf ist die halbe Miete. Ansonsten wäre ich in der Nacht wie eine Bohne geröstet worden.
Tag 3: Showday, wenn der Plan auf die Realität trifft
Der letzte Tag war der Production Roast: Single Origin in 30 Minuten, Blend in 60 Minuten, die Reihenfolge vermeintlich fest vorgegeben. Beim Üben hatte ich gesehen, dass selbst zwei Batches in 30 Minuten knapp werden, mein Test lag bei 31,5 Minuten. Auf einem mir fremden, grossen Röstgerät, in einer Halle, in der gleichzeitig für eine andere Veranstaltung applaudiert wurde, war das eine echte Challenge, den sogenannten "first crack" zu hören.
Mein Kopf war kurz vor dem Start ziemlich durcheinander. Ich habe mein Problem mit Danny (Contestant aus Australien) geteilt, der meinte, er fange einfach mit dem Blend an, weil der mehr Zeit hat. Kaum hatte ich begonnen, fragte ich meinen persönlichen Jury-Coach, ob ich nicht doch mit dem Blend anfangen darf. Ihre Antwort: „Du bist der Röster.“ Dass dieser Moment überhaupt entstand, lag nur daran, dass ich mich kurz zuvor mit Danny ausgetauscht hatte. Genau das fand ich so schön an dieser Community: Es ist ein Wettbewerb, und trotzdem sind alle bereit, einander zu helfen und das bestmögliche (in ihren Augen) aus der Bohne und dem Herkunftsland herauszuholen.
Mit meinem fein säuberlich ausgedruckten Röstplan in der Hand lief auch erstmal alles nach Plan, bis zwei Minuten vor Schluss. Andere Maschine, andere Raumtemperatur, andere chemische Bedingungen: Man muss vom Plan abweichen können, und genau das ist die Fähigkeit, die am meisten Übung braucht. Vermutlich auch der Grund, warum es am Ende nicht fürs Podest gereicht hat. Ich wurde Platz 14 von 30, in der vorderen Hälfte des internationalen Feldes, und dafür bin ich richtig stolz.
Mein grösster Take-away
Ich habe mir im Vorfeld bewusst Zeit aus dem Alltag genommen, um für diesen Event zu üben. Der Alltag versucht ständig, sich dazwischenzudrängen, und es gibt immer einen guten Grund, etwas nicht zu tun. Deshalb liebe ich Deadlines: Ob Sportevent, Schachturnier, Koch-Showdown oder einfach ein neues Sprachlevel, mit einem fixen Termin im Kalender zieht man Dinge tatsächlich durch.
Ein Zitat begleitet mich seither: „Mutig sein ist kein Gefühl, sondern eine Entscheidung. Mut kommt nicht mit grünem Licht und ausgestreckter Hand, sondern mit rasendem Puls, zitternder Stimme, und “Was, wenn es schiefgeht?”” Und zwar auf Repeat.
Q&A, die Fragen, die mir danach am meisten gestellt wurden
Frage: Hast du das mit deinem Coach zusammen vorbereitet?
Christoph: Ja, absolut. Ich habe regelmässig mit Alp, meinem Coach, geübt. Pascal (COO bei ViCAFE) hatte den Kontakt freundlicherweise hergestellt, als er per Zufall im Flugzeug neben ihm sass. Alp röstet in Zürich auf einem ähnlichen Gerät wie dem, das in Brüssel zum Einsatz kam, nicht identisch, aber nah genug, um wertvolles Training zu ermöglichen. Beim Cupping sind Coaches erlaubt, also konnten wir unser Training gemeinsam umsetzen. Wir konnten gemeinsam probieren und über den Röstplan ausarbeiten.
Frage: Kannst du beschreiben, was für Rohmaterial ihr hattet?
Christoph: Klar. Wir hatten vier Kaffees: einen Natural aus Tansania mit sehr heterogenem Bohnenbild und vielen defekten, den hätte ich fast aussortiert, dazu gewaschene Kaffees aus Peru, Ecuador und Nicaragua. Beim Mahlen kam dann die Überraschung: Der Tansania-Natural roch so fruchtig und intensiv, dass er zur Hauptkomponente unseres Blends wurde.
Frage: Was waren deine Insights vom finalen Cupping, als alle 30 Single Origins und 30 Blends probiert wurden?
Christoph: Es war faszinierend. Alle Cups waren codiert, man wusste nie, welcher einem selbst gehörte, man konnte nur hoffen oder bangen. Es gab eine Handvoll, die positiv herausstach, ein grosses Mittelfeld, und ein paar, die negativ auffielen. Die Top-Kaffees hatten meist deutlich höhere Säure und Süsse.
Frage: Was hat die besten Kaffees so besonders gemacht?
Christoph: Ehrlich gesagt, das lässt sich nicht eindeutig sagen. Ich habe mit vielen über ihren Ansatz gesprochen, und es gab ganz unterschiedliche Vorstellungen von guter Qualität. Der belgische Champion zum Beispiel hat stark auf den peruanischen Kaffee gesetzt. Für uns war hingegen klar: Der Natural aus Tansania hatte das grösste Potenzial, weil er am fruchtigsten war. Das Ziel war ja nie, den Kaffee zu machen, den ich am liebsten trinke, sondern den, der die meisten Punkte holt.
Frage: Kann man das Bewertungssystem eigentlich kalibrieren?
Christoph: Das ist meine grösste Skepsis an diesem ganzen System. Am Ende sind auch Top-Cupper nur Menschen. Wenn jemand die Säureintensität bei 8 ansetzt und jemand anders bei 10, wie will man das wirklich vergleichbar machen, vor allem wenn 30 Cups bewertet werden müssen? Ja, es gibt vorab Kalibrationsrunden unter den Judges, aber ein Stück Menschlichkeit schwingt immer mit. Das macht es kompliziert, aber auch ehrlich.
Frage: Was war dein persönliches Learning aus diesem Wettbewerb?
Christoph: Dass Vorbereitung Sicherheit gibt, aber nie alles abdeckt. Die Tagesform, ist schlussendlich ein wesentlicher Faktor der mitschwingt. Am Ende zählt, ob man sich traut, vom Plan abzuweichen, wenn es nötig ist, was Erfahrung und Mut braucht. Und dass es sich lohnt, genau dafür Zeit im Alltag zu reservieren, auch wenn es immer hundert Gründe gibt, es nicht zu tun.
Danke an alle, die mich auf diesem Weg unterstützt haben: allen voran Pascal und Alp, der SCA für die Durchführung dieses grossartigen Events, dem gesamten ViCAFE-Team für den Support im Hintergrund, und natürlich allen Beteiligten, die diese WM zu einer so besonderen Erfahrung gemacht haben. Natürlich auch meiner Familie die meine Tochter May während des Events betreut hat. Die Kaffeeszene grossartige, weltoffene Community, und ich freue mich schon auf die nächste Schweizer Meisterschaft.
Von Christoph (Head Roaster bei ViCAFE)

