Ein Besuch im Kreativhaus enSoie
Maison enSoie in Zurich

Ein Besuch im Kreativhaus enSoie

Anna Meier in front of le Café ensoie by vicafe

Ein Besuch im Kreativhaus enSoie

Regelmässig portraitieren wir hier Menschen, die für ViCAFE wichtig sind. Mit Familie Meier von enSoie pflegen wir seit mehreren Jahren eine freundschaftliche Beziehung. Daraus entstanden ist unter anderem ein gemeinsames Café, das wir mit der gleichen Philosophie führen.
Anna Meier, enSoie in her office
Anna Meier an ihrem Arbeitsplatz im Maison enSoie

enSoie gehört zu Zürich wie die Limmat oder das Fraumünster. Am Ende des Rennweges, an den Treppen zum Lindenhof, befindet sich in einem Haus des 14. Jahrhunderts das Maison enSoie. Wir besuchen Anna Meier, Inhaberin und Creative Director, an einem regnerischen Herbsttag im Hause enSoie. “Richtigs Züri-Wätter.” Sie hat Recht. 

2013 hat Anna von ihrer Mutter Monique Meier die Geschäftsleitung übernommen. Heute führt sie das Kreativhaus, wie es selbst nennen, zusammen mit ihren Schwestern Sophie und Eleonore. Anna ist zuständig für das Design von enSoie. Dass sie eines Tages zusammen mit ihren Schwestern die Führung des Familienunternehmens übernehmen würde, war nicht geplant. “Es war keineswegs klar, dass der Generationenwechsel innerfamiliär geschieht. Ich habe nach dem Gestalterischen Gymnasium hier einen Sommerferien-Job angenommen und konnte mir gut vorstellen, danach zum Studieren ins Ausland zu gehen. Und dann bin ich nie mehr weg”, sagt die 30-Jährige schmunzelnd.

Maison enSoie in Zurich
Das Haus an der Strehlgasse in Zürich stammt aus dem 14. Jahrhundert

Die Freundschaft zwischen enSoie und ViCAFE entstand 2016. Anna wollte den Raum an der Lindentreppe, der damals als Büro von enSoie diente, anders nutzen. Eine Kombination von Café und kleinem Laden erschien ihr charmant, worauf sie ViCAFE kontaktierte. Begeistert von der Idee, eröffneten wir kurze Zeit später gemeinsam das Le Café enSoie by ViCAFE. Seit vier Jahren trifft im zirka 15 Quadratmeter kleinen Laden Design auf Flat Whites. Zwei Zürcher Marken mit übereinstimmender Philosophie: “Mir gefällt es, dass ViCAFE dieselbe Hands-on-Mentalität teilt wie wir. Etwas bewegen und anpacken, vielleicht auch mal etwas riskieren, aber man hat es dafür probiert.”

Passend dazu wurde vor kurzer Zeit ein gemeinsamer Kaffee entwickelt, der die Werte beider Marken zum Vorschein bringt: Transparenz, Qualitätsansprüche, Liebe zum Detail und langjährige Beziehungen, ob zur Kaffeebäuerin in Honduras oder zur Keramikerin in Polen, mit der enSoie schon seit dreissig Jahren zusammenarbeitet. “Mittlerweile sind enge Freundschaften zu unseren Lieferant*innen entstanden, das ist wunderschön. Wir wurden sogar an die Hochzeit eingeladen.”

enSoie Shop zurich inside
Der Laden im Kreativhaus enSoie

Hochwertige Seidenschals, Keramikgeschirr, Schmuck sowie Pullis aus feinstem Kaschmir, lassen Besuchende beim Betreten des Geschäfts an der Strehlgasse in eine bunte Farbwelt eintauchen. Günstig sind die Einzelteile nicht: “Das stimmt. Klar wären wir gerne erschwinglicher, aber wenn man bedenkt, was für Materialien wir verwenden, geht es fast nicht anders. Wir verwenden keine Synthetik – alles ist jeweils aus 100% Seide oder 100% Wolle.” Der Laden, eingerichtet in einem denkmalgeschützten Haus, ist mit viel Charme gefüllt. Man möchte alles bemustern, Düfte probieren und die weichen Stoffe ertasten. “Mit unseren Stücken versuchen wir Freude auszustrahlen, das steht klar im Zentrum.” Jedes Designstück soll seine*r Besitzer*in über viele Jahre Freude bereiten. Da alles von Hand angefertigt wird, ist jedes Produkt ein Unikat. “Wir verwenden auch viele Stoffresten, beispielsweise für das Innenleben eines Etuis. Demnach sieht jedes ein bisschen anders aus.” Dieser Ansatz wurde von den Näher*innen aus Indien übernommen, da dort Stoffresten nicht weggeworfen, sondern in irgendeiner Form wiederverwendet werden. Wie wäre es denn, alte Kaffeesäcke zu recyclen? Fortsetzung folgt.

Scarves ensoie
Farbenfrohe Schals aus Wolle

Eine knarzige Treppe führt uns in die obere Etage, grosse Menschen müssen sich etwas ducken, so tief hängen die Decken. Hier befindet sich unter anderem das Maison-Zimmer, ein kleiner Raum mit Sesseln und Zierkissen, eingerichtet wie ein Wohnzimmer. Ein paar Bilderrahmen mit schwarz-weiss-Fotografien lehnen unaufgehängt an der Wand. Es regnet durchgehend. Mit einem Buch könnte man sich hier gut für ein paar Stunden dem trüben Wetter entziehen.

Anna showing ceiling
Höscheler-Decke aus dem 17. Jahrhundert

Wo man hinschaut, entdeckt man ein kleines Kämmerchen, in dem gearbeitet wird. Eine Nähmaschine, sie vermuten aus den 40er Jahren, rattert. Schneiderin Laura näht gerade den Kragen an ein Kinderkleid an.

Beim Einzug ins Haus wurde in diesem Zimmer sogar ein historischer Fund aus dem 17. Jahrhundert gemacht; die Denkmalpflege entdeckte hier eingegipste Kunst des Stuckateurs Samuel Höscheler. Heute dekoriert die besondere Decke das Nähzimmer.

Das Schöne daran, den Laden, das Atelier und die Werkstatt unter einem Dach zu haben, sei sicherlich die Nähe zu den Kund*innen, meint Anna. “Das Feedback, was wir bekommen, kommt eigentlich direkt zu mir.” Da ihr Büro nur ein paar Etagen weiter oben ist, sei sie immer wieder im Austausch mit ihren Mitarbeitenden. Ein Gang durch den Laden helfe ihr auch, die Atmosphäre und Stimmung besser zu interpretieren.

sewer at ensoie
Schneiderin Laura im Nähatelier

Schaut man sich enSoie genauer an, ob die Webseite, den Instagramkanal oder das Kochbuch von Schwester Sophie, fällt auf, dass keine perfekt in Szene gesetzten Models gezeigt werden, kein Hochglanz oder Schnickschnack zu sehen ist. Im Gegenteil, auf Produktfotos erkennt man oft die eigenen Mitarbeitenden oder die Inhaberinnen selbst. “Es ist uns sehr wichtig, auch hier unsere eigene Handschrift zu zeigen. Deshalb arbeiten wir zum Beispiel seit ca. drei Jahren mit dem gleiche Fotorafen zusammen, der auch der Ehemann meiner Schwester ist und unseren Stil optimal verkörpert. Dass wir analog fotografieren, gehört genau zu dieser Handschrift.” Das Konzept des Webshops beispielsweise, bestehe darin, dass man als Kund*in das Gefühl habe, man befinde sich im Maison enSoie selbst. “Wir möchten hier schon authentisch sein, denn ich finde, wir befinden uns schon genug in einer Welt, wo wir alles zu optimieren versuchen ”, so Anna.

“Wir möchten hier schon authentisch sein, denn ich finde, wir befinden uns schon genug in einer Welt, wo wir alles zu optimieren versuchen ”

creative wall ensoie
Der Spruch Love Rules Forever wurde zum Markenzeichen

Aktuell wird an der Winterkollektion 2021 gearbeitet. Dafür kreiere sie mit ihrem Team jeweils eine Farbwelt, die im Zentrum steht. Hinzu kommt ein Jahresthema. Nächstes Jahr steht unter dem Begriff Home. “Da wir dieses Jahr viel Zeit Zuhause verbracht haben, möchte ich mich in einem grösseren Kontext damit auseinandersetzen, was zuhause sein überhaupt heisst.”

Die Frage nach der Inspiration erübrigt sich schon fast. Kennt man die Familie Meier, ihre Vision und ihre Werte, weiss man, dass sie sich nicht auf den grossen Laufstegen der Modewelt inspirieren lassen und schon gar nicht irgendwelchen Trends nachgehen. “Da bin ich antizyklisch unterwegs”, sagt Anna lachend. Wenn, dann lasse sie sich von Vater Dieter Meier inspirieren. “Er ist ein Tausendsassa”, sagt Anna, “und widmet sich gerne der Philosophie.” Dadurch habe er inspirierende Gedankensblitze, die er seiner Tochter gerne per E-Mail mitteilt. Eine seiner berühmtesten Eingebungen wurde schon fast zum Markenzeichen von enSoie. Es ist der Spruch “Love Rules Forever”, welcher noch immer in Schmuckstücken eingraviert oder auf Seidentüchern bestickt zu finden ist. “Für mich gibt es Zeitgeist und vielleicht gewisse Zufälle, ansonsten orientiere ich mich eigentlich an nichts. Das war schon immer mein Credo.”

Text: Tamara Meili 
BilderAaron Fee 

 

Sophie and Anna Meier
Die Schwestern Sophie (links) und Anna Meier (rechts)

Aus dem Hause enSoie von ViCAFE