Kolumbien 2019

Als wir unseren Mietwagen in Empfang nehmen, ahnen wir noch nicht, dass uns das Thema “Auto” an diesem Tag noch eingehender beschäftigen würde. Tags zuvor waren wir nach knapp 24-stündiger Anreise in Neiva angekommen. Heute fahren wir weiter nach Pitalito, wo sich die Finca Los Nogales von Oscar Hernandez befindet. Die Fahrt führt durch eine Allee knorriger Bäume, welche die Strasse in einen grünen Tunnel verwandeln. Vorbei an einem Stausee, säumen kleine Dörfer, Wald und Landwirtschaftszonen die Strasse, welche sich über kleine Pässe nach Südwesten schlängelt. Die vier Stunden Fahrzeit sind nicht so sehr der Anzahl Kilometer, sondern eher der behäbigen Fahrweise der Busse und Lastwagen vor uns sowie der Vielzahl an Schlaglöchern geschuldet.

In Pitalito angekommen, empfängt uns der sichtlich aufgeregte und stolze Oscar, welchen wir zuletzt 2016 besucht hatten. Uns fehlen aber noch zwei essenzielle Dinge für den Besuch der Farm:

Ramon und Simon erstehen im Gemischtwarenladen von Bruselas schwarze Gummistiefel, und fühlen sich damit umgehend dem Leben als Cafetero einen grossen Schritt näher. Wichtiger aber ist die Anschaffung Oscars: Im Rahmen seiner anstehenden Hochzeit ersteht er sich und seiner Farm ein Auto – die Übergabe dessen hat er auf unsere Ankunft terminiert. So schütteln wir eine Vielzahl von Händen, dienen als Begleitpersonal bei der Geldübergabe und schiessen das erste Foto von Oscar mit seinem neuen Pick-up. Zwar noch ohne gültigen Fahrausweis, aber dennoch routiniert, fährt uns Oskar zu seiner Farm. Die letzten Minuten der Fahrt führen über eine Schotterstrasse extrem steil den Berg hinauf. Nun ist uns auch klar, warum unsere Mietautos im Dorf bleiben mussten.

Oscar mit seinem neuen Pick-up

Es regnet leicht, als wir Oscars Finca erreichen. Auf einer Kuppe gebaut steht ein weiss-blau bemaltes Holzhaus, welches man auf den ersten Blick eher in den Alpen, als im sattgrünen Kaffee-Hochland Kolumbiens erwarten würde. Es bleibt kaum Zeit, einen ersten Blick auf die atemberaubende Aussicht ins Tal und die unzähligen Kaffeebäume zu werfen, denn die ganze Familie erwartet unseren Besuch: die Mutter, zwei Schwestern, Nichten und Neffen wollen uns begrüssen.

Wir hatten Oscar zwar im Vorfeld gesagt, dass wir unsere Zelte mitbringen würden, so ganz schien er sich dies aber nicht vorstellen zu können: die Familie hat sämtliche Schlafzimmer des Hauses für uns geräumt. Ist ja klar, meint Oscar: „somos familia“. Der überschwänglichen Gastfreundschaft zum Trotz wollen wir aber zumindest eine Nacht in den extra hergebrachten Zelten schlafen. Flacher Boden lässt sich kaum finden und dank dem andauernden Nieselregen ist alles in kürzester Zeit feucht. Schliesslich bauen wir unser Lager im zweiten Stock von Oscars Kaffee-Aufbereitungsanlage auf. Es ist trocken und der Ausblick in die Kaffeefelder könnte kaum schöner sein.

Oscars Mutter und Schwestern rufen zum Abendessen. Die erste von vielen Mahlzeiten mit typischen Zutaten aus der Region wartet auf uns. Die Portionen sind riesig. Wer hier isst, bringt üblicherweise den Hunger eines Tages auf dem Feld mit.

Nach einigen ungläubigen Fragen bezüglich unserer Nacht im Zelt zeigt uns Oscar seine Finca. Zuerst muss jedoch -wie jeden Morgen- der Kaffee auf den Trockenbetten gewendet werden. Der Kaffee wird von Hand als auch mit hölzernen Schiebern so gemischt, dass alle Bohnen im Verlauf der nächsten Tage gleichmässig trocknen. Wir helfen natürlich gerne mit, merken aber schnell, wie viel Routine diese vermeintlich einfachen Handgriffe erfordern. Wir riechen am Parchement: Je nach Trocknungsgrad haben die Bohnen einen eigenen beerig-erdig-fermentierten Geruch.

Begleitet von Hofhund Bruno, werden uns Kübel zur Kaffee-Ernte umgeschnallt. Nur die voll reifen, roten Bohnen dürfen geerntet werden und uns wird einmal mehr bewusst, welch grosser Aufwand die Kaffee-Ernte in diesen steilen Hügeln ist. Am höchsten Punkt seiner Farm präsentiert uns Oscar ein kleines Feld auf dem wir gemeinsam ein Projekt entwickeln wollen – wir berichten dann sicher bald ausführlicher.

Oscar führt uns durch seine Verarbeitungsanlage und zeigt uns in seinem kleinen Qualitäts-Labor das Ergebnis der harten Arbeit. Oscar will seine Farm stetig verbessern, sei es in der Verarbeitung des Kaffees, oder im Umgang mit der Natur. Gemeinsam planen wir deshalb eine Kompostanlage, um das säurehaltige Fruchtfleisch der Kaffeekirschen als Düngemittel zu nutzen.

Je mehr Zeit wir mit ihm verbringen, desto klarer wird uns, wie sehr die ganze Familie von den Erträgen der Farm abhängig ist. Sämtliche Überlegungen (beispielsweise der Verzicht auf künstliche Düngemittel, Pestizide) müssen auf ihren wirtschaftlichen Einfluss überprüft werden.

In langen Gesprächen zeigt er uns seine Pläne. Wir einigen uns, dass sich unsere Partnerschaft nicht nur auf die Bestellung von Grünkaffee beschränken soll. Wir wollen die Projekte von Oscar, mit dem Ziel einer nachhaltigeren Kaffeeproduktion, finanziell und mit unserem Wissen unterstützen. Ausserdem möchten wir Oscar bei erstmaligen Pflanzung der Kaffeevarietät “Pink Bourbon” helfen.

Nach drei Tagen auf der Finca los Nogales fühlen wir uns schon fast wie Mitglieder von Oscars Familie. Wir sind beeindruckt von seinem Ehrgeiz und seiner Hingabe und es wird uns wieder einmal vor Augen geführt, wie viele (energieraubende) Arbeitsschritte notwendig sind, um den Kaffee zo produzieren, welchen wir tagtäglich in den Espresso Bars zubereiten.

Wir verlassen die Farm mit dem starken Gefühl, hier nicht nur bezüglich der Qualität der Kaffees einen echten Glückstreffer gelandet zu haben. Wir werden sicher nicht zum letzten Mal bei Oscar gewesen sein – und er freut sich über jeden Besuch aus der ViCAFE Famiglia. Einen Pick-Up zum Transportieren seiner Gäste hat er jetzt ja :-).