colombian coffee farmer in front of his house

Wie die Covid19-Pandemie unsere Kaffeeproduzenten trifft

Die Covid19-Pandemie brachte weltweit das öffentliche Leben zum Stillstand. Im Gespräch mit Oscar versuchen wir zu verstehen, in welcher Form das andere Ende unserer Wertschöpfungskette von der Pandemie betroffen ist. 
horse transporting coffee on a colombian coffee farm

Wie die Covid19-Pandemie unsere Kaffeeproduzenten trifft

Die Covid19-Pandemie brachte weltweit das öffentliche Leben zum Stillstand. Im Gespräch mit Oscar versuchen wir zu verstehen, in welcher Form das andere Ende unserer Wertschöpfungskette von der Pandemie betroffen ist. 

Lockdown

Zürich, 16. März 2020. Gespannt sitzen wir vor den Bildschirmen, als der Bundesrat um 17.30 Uhr den landesweiten Lockdown verkündet. Am 17. März bleiben alle ViCAFE Espresso Bars geschlossen. Die Schweiz hält den Atem an und als KMU sind wir mit einem Szenario konfrontiert, für welches noch keine Strategie auf unserem Server liegt. 

Zur selben Zeit in Pitalito, Kolumbien. Oscar Hernandez sitzt am Küchentisch der Finca Los Nogales, als der Kolumbianische Präsident Ivan Duque am Fernseher die Schliessung der Land- und Wassergrenzen zu Ecuador, Peru und Brasilien anordnet. Die Grenzen zu Venezuela sind bereits zu. Ein Total von 57 Covid19-Fällen wurde bisher gezählt. Eine Woche später, am 24. März dann der SuperGAU. Die nationale Quarantäne tritt in Kraft. 50 Millionen Kolumbianer*innen müssen in ihren Häusern bleiben. 

Die Pandemie erreicht die Kaffee-Ursprungsländer

Der Virus hat die Finca Los Nogales nicht erreicht, dafür kamen Angst und Unsicherheit.

Oscar, der Macher aus dem Süden Kolumbiens, verfolgt die Entwicklung der Covid19 Pandemie nicht nur in seinem Heimatland, sonder auch sehr akribisch in Japan, England und in der Schweiz. In diesen drei Ländern wird nämlich sein Kaffee geröstet und getrunken. Dort entscheidet sich seine Zukunft. 

Wir rufen ihn an und fragen, wie es ihm geht und was die Pandemie für ihn und sein Familienunternehmen bedeutet. 

Hallo Oscar, wie geht es dir und deiner Familie?

Danke, wir sind alle gesund und uns geht es gut. Die gesamte Familie hat sich auf die Finca zurückgezogen. Wir haben hier oben ja alles, was man zum Leben. Das einzige was nicht auf unserem Land wächst, sind Credits für unsere Mobiltelefone. Dafür fahre ich einmal pro Woche ins Tal runter.

In Kolumbien herrscht ein Ausgangsverbot. Inwiefern beeinflusst euch das auf der Finca Los Nogales? 

Unsere Arbeit beeinflusst es kaum. Wir haben ja mehr als genügend Platz, um die zwei Meter Abstand einzuhalten. Glücklicherweise befinden wir uns ausserhalb der Erntesaison. Es reicht vorläufig aus, wenn die ganze Familie mit anpackt. 

Einzig der organische Dünger, den ich für unser gemeinsames Bourbon-Rosado-Projekt eingekauft habe, ist noch nicht angekommen. Die landesweite Versorgung und Logistik steht still, weil die Leute im Transportsektor ebenfalls zu Hause bleiben und zahlreiche Zugangsstrassen in den Süden von hungernden Menschen verbarrikadiert sind.

finca los nogales colombian coffee farm

Barrikaden und Hunger. Das hört sich dramatisch an. 

Es ist tragisch. Die nationale Quarantäne funktioniert nur teilweise. Millionen von Kolumbianer*innen arbeiten im informellen Sektor. Sie leben und ernähren sich von Tag zu Tag. Auf den Balkonen hängen rote Fahnen. Sie signalisieren, dass dort eine Familie in Not lebt. Die Unterstützung der Regierung erreicht nur wenige. Die Politik tut sich schwer. Das grösste Problem in Kolumbien ist weiterhin die Korruption und erst dann kommt der Virus. Die Leute haben oft keine Wahl. Sie müssen raus, um Geld und Lebensmittel zu besorgen.

Nun steht ihr kurz vor der kleinen Ernte im Juli. Im Dezember folgt dann die Haupternte. Hast du Angst, nicht genügend Pflücker rekrutieren zu können, die rechtzeitig alle Kaffeekirschen von den Bäumen holen? 

Um die Pflücker*innen mache ich mir keine Sorgen. Wir bezahlen höhere Löhne als benachbarte Farmen, um sicherzustellen, dass die besten Pflückerinnen und Pflücker bei uns arbeiten. Die Qualität des Kaffees entscheidet sich ja bereits bei der selektiven, handverlesenen Ernte. Das Angebot an Arbeitskräften ist wegen der Corona-Krise überdurchschnittlich gross. Viele Menschen suchen Arbeit, weshalb es kein Problem sein wird, ausreichend erfahrenes Personal zu finden. Ich hoffe zudem, dass sich die Situation bis zur Ernte wieder etwas entspannt. 

colombian coffee farmer
colombian coffee farmer checking his coffee

Dann läuft also alles rund und du brauchst dir keine Sorgen wegen Covid19 zu machen?

Ganz und gar nicht. Ich mache mir sehr grosse Sorgen um unser Geschäft. Ich verfolge ständig die internationalen News und es beunruhigt mich, wenn ich sehe, dass meine zwei wichtigsten Kunden aufgrund eines Lockdowns ihre Coffeeshops schliessen mussten. Zusammen bilden wir eine Wertschöpfungskette und der wirtschaftliche Erfolg der Röster wirkt sich direkt und nachhaltig auf mein Familienunternehmen aus. Wenn ich sehe, dass die Coffee Shops in Europa und Asien geschlossen bleiben, bereitet mir das schlaflose Nächte. Was passiert, wenn einer meiner Kunden die Krise nicht übersteht? Wie viel Kaffee werden die Röster am Ende des Jahres 2020 einkaufen? Meine Pflanzen folgen einem natürlichen Zyklus und machen keine Pause während des Lockdowns. Wenn heute in den Absatzmärkten weniger Spezialitätenkaffee getrunken wird, dann bleibe ich am Ende des Jahres auf dem Kaffee sitzen, der momentan an den Bäumen reift. 

Du bist also direkt von der Pandemie und dem wirtschaftlichen Lockdown in der Schweiz betroffen. 

Das Risiko ist real. Die wirtschaftlichen Konsequenzen erreichen unsere Kaffeefarm verzögert, da ich am Anfang der Wertschöpfungskette und somit des natürlichen Zyklus stehe. Ich habe aber grosses Vertrauen in unsere Partnerschaft und bin überzeugt, dass ViCAFE diese Krise gut meistern wird. 

Voraussichtlich werden wir das schaffen. Wir versuchen zudem unsere Kund*innen zu animieren, vermehrt deinen Kaffee zu trinken. Mit dem ICED COFFEE haben wir soeben ein neues Produkt lanciert, für welches wir exklusiv deine Kaffeebohnen verwenden.  

Das freut mich sehr und ich kann es kaum erwarten, einen solchen ICED COFFEE zu probieren. Die Bilder sehen grossartig aus. Danke für das Vertrauen in meine Arbeit. 

Abgesehen von den wirtschaftlichen Risiken, gibt es sonst noch Covid19-verwandte Themen, die dir Angst machen? 

Angst ist das falsche Wort und passt nicht zu mir. Ich bin ein Optimist und als Kaffeebauer im Süden Kolumbiens gibt es ständig Risiken, mit denen man leben muss. Man lernt damit umzugehen. Nebst dem Corona Virus ist der voranschreitende Klimawandel die grösste Bedrohung für unsere Industrie. 

Aber auch eine drohende Rezession, Armut und der Hunger der lokalen Bevölkerung, verursacht durch die Covid19-Pandemie, kann zur Gefahr für uns Landwirte werden. Das Risiko von gewaltsamen Überfällen und Diebstahl von Lebensmitteln steigt, wenn die Leute hier in der Region keine Arbeit haben. Ich schütze die Finca Los Nogales mit Schutzhunden. Die kleinen Dobermann-Welpen Sam und Loki, die ihr bei eurem letzten Besuch gesehen habt, sind mittlerweile jährig und haben sich schon viel vom Schäferhund Bruno abgeschaut. Die Hunde spielen eine wichtige Rolle beim Schutz meiner Familie. 

Was wünschst du dir für das restliche 2020? 

Ich wünsche mir, dass meine Familie gesund bleibt und die ganze Welt etwas Ruhe findet. Zudem wünsche ich mir, dass die ViCAFE Kund*innen in der Schweiz weiterhin Spezialitätenkaffee schätzen. Wir werden dieses verrückte Jahr 2020 überstehen und unsere gemeinsamen Projekte weiterverfolgen. 

Was können wir hier in der Schweiz für dich tun?

Kaffee trinken. Kaffee trinken. Kaffee trinken. (Oscar lacht.) 

colombian family in front of their house